Die Kriterien hinter der Auswahl – und was die Datenblätter verschweigen.
Warum das Garn an der Overlock schwerer wiegt als an der Nähmaschine
An der Nähmaschine läuft ein Faden von oben und einer von der Spule. An der Overlock sind es drei oder vier, sie kommen aus getrennten Konen, laufen durch deutlich mehr Führungen und Spannungsscheiben und werden dabei schneller abgezogen. Jede Schwäche im Garn wirkt sich hier also mehrfach aus.
Zwei Dinge merkst du sofort. Erstens die Flusen: Ungleichmässig gedrehtes Garn gibt beim Durchlauf Fasern ab, und die sammeln sich genau dort, wo bei einer Overlock ohnehin am meisten anfällt, nämlich im Messerbereich und um die Greifer. Zweitens der Fadenriss. An der Nähmaschine kostet er dich zwanzig Sekunden. An der Overlock kann er dich die komplette Einfädelreihenfolge kosten, denn die Fadenwege müssen in einer festen Abfolge belegt werden: erst der untere Greifer, dann der obere, danach die Nadeln. Wer das einmal mitten in einem Projekt neu machen musste, greift danach nicht mehr zum Restposten. Wie die Reihenfolge im Einzelnen läuft, steht im Ratgeber zum Einfädeln.
Das ist der eigentliche Grund, warum sich glattes, gleichmässig gedrehtes Polyester an dieser Maschine stärker auszahlt als an jeder anderen im Haushalt.
Die Farbanzahl ist die Zahl, die dich in die Irre führt
Auf den Sets steht gross, wie viele Farben dabei sind. Das ist ausgerechnet die Angabe, die an einer Overlock am wenigsten nützt, denn die Maschine zieht drei oder vier Fäden gleichzeitig, und zwar aus ebenso vielen verschiedenen Konen. Ein Satz mit fünf Farben und je einer Kone kann deshalb keine einzige 4-Faden-Naht in einem einheitlichen Ton fertigstellen. Du bekommst eine mehrfarbige Kante, ob du willst oder nicht.
Was stattdessen zählt, sind zwei Angaben: wie viele Konen derselben Farbe im Karton liegen und wie viele Meter auf jeder davon sind. Vier gleiche Konen sind keine Verpackungslaune, sondern genau die Bestückung einer 4-Faden-Maschine.
Dazu kommt eine Entwarnung. Die Overlocknaht liegt bei Kleidung fast immer innen, sichtbar wird sie nur an offenen Säumen, Volants und Rollsäumen. Für den Normalfall reicht deshalb ein neutraler Ton, der zu vielen Stoffen passt. Grau ist dabei erstaunlich unauffällig, weil es sich zwischen hellen und dunklen Geweben versteckt. Erst wenn die Kante bewusst gezeigt wird, wird die Farbe zum Thema.
Die drei Sätze im direkten Vergleich
Das Ackermann Nähgarn Weiss steht vorn, weil die Rechnung bei ihm von allein aufgeht: vier Konen a 5.000 m in Stärke 120, dazu die Prüfung nach OEKO-TEX Standard 100, Produktklasse I, also der strengsten Stufe, mit der auch Babytextilien freigegeben sind. Das Garn ist nicht auf die Overlock beschränkt, sondern läuft als Ober- und Unterfaden an der Nähmaschine ebenso wie an der Coverlock. Damit deckst du mit einem Karton drei Maschinen ab.
Das Lialina Overlockgarn ist derselbe Aufbau eine Nummer kleiner: vier weisse Konen mit je 2.700 m, Stärke 40S/2, was der nominellen 120 entspricht, 100 % Polyester und ebenfalls OEKO-TEX Standard 100. Wer die Maschine nicht wöchentlich laufen lässt, kommt damit sehr lange aus und legt weniger Vorrat in den Schrank.
Das ilauke Overlockgarn geht einen anderen Weg: fünf Konen in fünf Farben mit je 2.743 m, ebenfalls Polyester. Das ist die Wahl, wenn du überwiegend einzelne Kanten versäuberst und Auswahl wichtiger findest als Vorrat. Für ein durchgehendes Projekt in einer Farbe bräuchtest du vier Konen dieses Tons, und die liegen hier nicht im Karton.
Verbrauch, Nachkauf und der Rest auf der Kone
Eine Overlocknaht verbraucht ein Vielfaches der Nahtlänge an Garn, denn der Faden wird nicht gerade durchgezogen, sondern um die Stoffkante geschlungen. Deshalb wirken Konen mit mehreren tausend Metern beim Kauf übertrieben und sind es nicht.
Interessanter ist, dass sich die vier Konen ungleich leeren. Die Greiferfäden legen den weitesten Weg zurück, die Nadelfäden den kürzesten. Nach einigen Projekten stehen deshalb zwei fast volle und zwei deutlich schlankere Konen auf dem Ständer. Wenn du die volleren regelmässig auf die Greiferpositionen setzt, hältst du den Satz länger im Gleichgewicht und musst nicht wegen einer einzelnen Kone nachkaufen.
Beim Nachkaufen zählt die Stärke. Mischst du auf den vier Positionen unterschiedlich dicke Garne, verschiebt sich das Stichbild, und du drehst an der Spannung herum, obwohl die Maschine in Ordnung ist. Notiere dir die Stärke, bevor die erste Kone leer ist. Und lagere Garn dunkel und staubfrei: Polyester ist robust, aber Sonnenlicht am Fenster bleicht die Farbe aus, und Staub auf der Kone landet später im Greiferraum.
Die Fehler, die den Fadenweg ruinieren
Fast alle Garnprobleme an der Overlock lassen sich auf eine Handvoll Ursachen zurückführen.
- Haushaltsrollen und Konen mischen. Unterschiedliche Stärken auf den vier Positionen ergeben ein unruhiges Stichbild, das sich über die Spannung nicht sauber ausgleichen lässt.
- Nach Farbanzahl statt nach Konenzahl kaufen. Fünf Farben mit je einer Kone bestücken keine einzige 4-Faden-Naht.
- Ohne Netz nähen. Glattes Polyester rutscht in Schlaufen von der Kone und wickelt sich um den Halter. Die Netze über die Konen zu ziehen kostet zehn Sekunden.
- Die Kone auf den Garnrollenstift stecken. Konen werden über Kopf abgezogen und brauchen die Führung senkrecht darüber, nicht den liegenden Stift einer Nähmaschine.
- Stickgarn oder Baumwollgarn einsetzen. Stickgarn ist auf Glanz ausgelegt und nicht auf Zug, Baumwolle gibt bei elastischen Nähten nicht nach.
- Beim Fadenriss einfach weiterziehen. Wenn der Faden aus der Spannungsscheibe gesprungen ist, hilft nur der komplette Weg von vorn.
Der unspektakulärste Punkt zum Schluss: Reste auf halb leeren Konen wandern gern in die Kiste und Jahre später zurück in die Maschine. Sprödes Garn reisst, statt zu halten.
Passt die Kone überhaupt auf deinen Ständer?
Konen sind nicht genormt. Sie unterscheiden sich in der Höhe und in der Weite des Fusses, und beides muss zu deiner Maschine passen. Der Garnrollenständer einer Overlock hat für jede Position einen Stift und darüber eine Teleskopführung mit Ösen. Der Faden läuft über Kopf senkrecht nach oben ab, nicht seitlich von der Rolle. Steht die Öse nicht mittig über der Kone, schlägt der Faden beim Abzug gegen den Rand, und die Spannung schwankt mit jeder Windung.
Für schmale Konen liegen den meisten Maschinen Konenaufsätze bei, also kleine Trichter, die den Fuss zentrieren. Umgekehrt gibt es Adapterscheiben, damit gewöhnliche Garnrollen auf dem Ständer ruhig stehen. Fehlt beides, wackelt die Kone und der Abzug wird ungleichmässig.
Zur Stärke: 120 ist die universelle Grösse für Nutznähte und passt an Nadeln wie Greifern. Dickeres Garn kommt nur in Sonderfällen dazu, allen voran texturiertes Bauschgarn in den Greifern für Rollsäume und Halsabschlüsse, weil es weich aufliegt und die Kante füllt. In die Nadeln gehört es nicht. Welche Maschine welche Fadenwege überhaupt anbietet, steht in der Übersicht zu den Overlock-Maschinen.
Woran du merkst, dass es am Garn liegt
Wenn die Naht plötzlich nicht mehr stimmt, ist selten die Maschine defekt. Drei Bilder sprechen ziemlich klar für das Garn.
Schlaufen an der Kante. Der Kettelstich liegt nicht flach an, sondern steht als Schlinge über der Stoffkante. Meist ist ein Faden aus der Spannungsscheibe gesprungen, weil er beim Abzug einen Ruck bekommen hat, klassisch bei fehlendem Netz auf einer glatten Kone.
Der Riss kommt immer an derselben Position. Reisst ausgerechnet der obere Greiferfaden wiederholt, prüfe den Weg von der Kone bis zum Greifer auf scharfe Kanten und die Kone selbst auf einen eingeschnittenen Wickel. Risse an wechselnden Positionen deuten dagegen eher auf zu hohe Spannung hin.
Flusen nach kurzer Zeit. Wenn sich nach einer Stunde ein Filz unter dem Messer gebildet hat, gibt das Garn Fasern ab. Anderes Garn löst das daürhafter als jede Reinigung.
Erst wenn alle Positionen sauber laufen und das Stichbild trotzdem nicht stimmt, lohnt der Blick auf die Maschine. Welche Modelle für den Einstieg taugen, steht in der Liste der Overlock-Maschinen für Anfänger.